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Wandel-Wege aus dem Wachstumszwang

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Wandel-Wege aus dem Wachstumszwang

Beitragvon lampi » 4. Aug 2014, 18:33

Die Weltwirtschaft steckt fest im Irrglauben der Wachstumsideologie – und auch die Alpen spüren den Druck des „Immer mehr“. Auswege aus diesem Dilemma wurden im Alpinen Museum gesucht.
Von Andi Dick

„Der Wandel zur Post-Wachstums-Gesellschaft wird kommen – by design or by desaster“ – diese Prophezeiung des Volkswirtschaftsprofessors Dr. Niko Paech war quasi das Fazit einer Podiumsdiskussion auf der Praterinsel, Rahmenprogramm zur Ausstellung „Alpen unter Druck“. Und obwohl nur mehr oder weniger „grüne“ Diskutanten auf dem Podium saßen, entspann sich um diese These eine vitale Debatte.
Man mag das Ende der Wachstumsideologie, auf der unsere Weltordnung ruht, als Bedrohung empfinden. Andererseits glauben ja (laut Kenneth Boulding) nur Idioten und Ökonomen, dass in einem begrenzten System wie der Erde unbegrenztes Wachstum möglich sei. Und so zeichnete Paech den gezielten Ausstieg als Chance, der „Konsumverstopfung“ zu entgehen, wieder Zeit fürs Glück zu bekommen. Und die fünf Wirkungskanäle trockenzulegen, über die die Wachstumswirtschaft die Menschheit bedrohe: Die Rohstoff-Ressourcen werden in absehbarer Zeit erschöpft sein; die globale Wachstumsabhängigkeit werde zu weiteren Finanzkrisen führen; psychische Krankheiten wie Burn-out und Depression seien Folgen des „Immer mehr“-Drucks; statt Verteilungsgerechtigkeit erzeuge die Konkurrenzwirtschaft immer mehr Ausbeutung; und auch das Nachhaltigkeitsversprechen des „grünen Wachstums“ sei unrettbar gescheitert.

Wo also sollten die Visionen liegen für die Diskutanten? Für Prof. Dr. Hubert Weiger, Vorsitzender des BUND; Prof. Dr. Hartmut Vogtmann, Präsident des Deutschen Naturschutzrings; Erwin Rothgang, Präsident der CIPRA Deutschland; Robert Renzler, OeAV-Generalsekretär, und Ludwig Wucherpfennig, Vizepräsident des DAV. Wo läge wohl die „Zukunft der Alpen“, unter Perspektiven wie Tourismus, Energiewende und Lebensraum?

Bescheiden und selber machen
Paechs Antwort darauf: Krisenstabil werde eine Gesellschaft durch zwei wesentliche Leitlinien: Suffizienz, das Senken der eigenen Ansprüche auf ein „menschliches Maß“; und Subsistenz, die Versorgung aus eigener Kraft. Statt immer mehr zu kaufen und zu verbrauchen, solle man Dinge selber produzieren, in der Gemeinschaft teilen und durch Reparatur länger nutzen. „Lebensstilpioniere“ und „Suffizienzrebellen“ seien gefragt, die diese neuen Konzepte vorlebten und verbreiteten.

Vorbildfiguren und Polit-Vorgaben

Eine Vision, die den Podiumsgästen wie den Besuchern im voll besetzten Festsaal offensichtlich sympathisch war. Doch ob wirklich ein paar Vorreiter genug kritische Masse erzeugen können, eine ganze Gesellschaft aufs gesunde Gleis zu hieven, dazu gingen die Meinungen auseinander. Ohne schärfere politische Vorgaben und Umweltgesetze gehe es nicht, sagten die einen, mehr direkte Demokratie und Volksabstimmungen mahnte Weiger an. „Wir werden die Politik nicht dazu bringen, uns zu einem Verhalten zu zwingen, das wir nicht aus eigener Überzeugung tun würden“, hielt Paech dagegen. Dass es um die Akzeptanz gar nicht so schlecht steht, belegten Publikumsfragen, eingestreut vom Moderator Dr. Georg Bayerle. So bejahten rund 90 Prozent der Besucher die Frage, wer aktiv Strom spare; ökologische Nahrungsmittel nutzten rund 60 Prozent, und gut die Hälfte konnte sich mit dem Vorschlag einer Naturschutzreferentin und Tourenleiterin aus dem Publikum anfreunden, zumindest mal zwei Bergtouren in diesem Sommer mit Bus und Bahn zu machen.

Ein Problem für den Alpenverein: Er ist selbst Gefangener und Mitverursacher des Dilemmas. So merkte Robert Renzler an, dass der ursprünglich geförderte Tourismus, der der ehemals bettelarmen Alpenbevölkerung zum Überleben verholfen habe, wie etwa im Ötztal durch Pfarrer Franz Senn, nun zur Industrie entartet sei, die das soziale Gefüge der Alpendörfer bedrohe. Und natürlich trägt ein Millionenverein wie der DAV zum Bereisungsdruck bei. Andererseits, so stellte Renzler klar: „Wir werben nicht aktiv für mehr Alpenbesucher, wir sind nur ihre Anlaufstelle. Und nur an Mitglieder können wir gezielt Botschaften zu naturverträglichem Verhalten senden.“ Beispiele dafür fand Ludwig Wucherpfennig in Modellkonzepten wie „Klettern und Naturschutz“ oder „Skibergsteigen umweltfreundlich“ – und für die künftigen DAVProjekte „Alpine Raumordnung“ und „Klima und Mobilität“. Ob allerdings Erwin Rothgangs Aussage, „die Auto-Zufahrt in die Alpentäler sollte stellenweise limitiert werden“, mehrheitsfähigist, steht zu bezweifeln. Paechs Postulat: „Wo ich nicht ohne Auto hinkomme, habe ich nichts verloren“, ist eben doch eine Vision. Andererseits sieht man in der Schweiz, dass ein gut ausgebautes Bus- und Bahnnetz auch angenommen wird.

Ein weiteres Dilemma auf der Suche nach Visionen: Manchen Alpentälern erscheinen Einnahmequellen wie beschneite Skigebiete oder das Pumpspeicherwerk am Jochberg notwendig – auch wenn regenerative Energien und die dafür nötigen Netze und Speicher nur dritte Priorität haben nach Energiesparen und -effizienz. Rothgangs Hoffnung, gerade die Alpenbewohner könnten Vorbilder der Subsistenz-Ideen werden, wird womöglich wirklich nur Vision bleiben. Realistischer klingt Hubert Weigers Prognose: „Wir werden die Konsequenzen des zerstörerischen Wirtschaftens tragen müssen – aber vonder Überflussgesellschaft aufs normale Maß zurückzukommen, ist kein Verzicht.“ Die Traube begeisterter junger Menschen, die beim Abend- Ausklang im Alpinen Museum den Visions-Professor umlagerte, deutet jedenfalls darauf hin, dass die Botschaft zumindest in der nächsten Generation angekommen ist. Sie wird ausbaden müssen, was wir uns heute leisten.

| Mehr zur Diskussion: alpenverein.de/alpenunterdruck |

Können wir dem Erschließungsdruck davonlaufen oder -klettern? Oder sind wir selber Akteure des „Immer steiler“?
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Re: Wandel-Wege aus dem Wachstumszwang

Beitragvon BERTHOLD » 17. Aug 2016, 20:46

Klingt interessant
BERTHOLD
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